Katerina Poladjan „Hier sind Löwen“

„Deine eigene Geschichte ist dir nicht gleichgültig. Ich glaube dir das nicht. Mich interessiert die Geschichte des Buches, an dem ich arbeite. Und es ist doch gleich, ob es die eigene Großmutter war, die gelitten hat, oder eine Unbekannte. Das Leid ist das gleiche.“

Katerina Poladjan

Ein Buch ist der geheime Protagonist in Katerina Poladjans neuem Buch „Hier sind Löwen“. Es ist eine armenische Familienbibel, die die verschiedenen Erzählstränge miteinander verbindet. Da ist zum Einen die Geschichte der beiden armenischen Kinder Hrant und Anahid, die aus ihrem Heimatdorf fliehen und nur die Familienbibel mitnehmen können. Während ihrer Flucht gibt ihnen dieses Buch Trost, Erinnerung und am Ende sogar Nahrung.

Über die wunderschöne jahrhundertealte Familienbibel verknüpft Poladjan dann auch die Geschichte in der Gegenwart. Hier verschlägt es die Buchrestauratorin Helene Mazavian aus Berlin nach Jerewan. Ein Austauschprogramm hat die Deutsche mit dem hier so vertraut klingenden Nachnamen in die armenische Hauptstadt geführt, in der Absicht, den Umgang mit der speziellen Buchbindetechnik des Landes zu lernen.

Helen ist dann auch die Erzählerin dieses Buches. Sie nimmt uns mit nach Jerewan, in das kleine Historische Institut, in dem sie die Familienbibel erkundet und restauriert und dabei warmherzige, sehr zugewandte Armenier kennenlernt. Sie ist jedoch nicht nur in Jerewan, um eine neue Technik zu lernen, sondern auch, um sich anhand eines Fotos auf die Spuren ihrer Familie zu begeben. Hier schimmert dann auch auch Poladjans eigene Geschichte durch, die dem Buch durchaus autobiographische Züge verleiht.

Das Buch ist sehr fragmentarisch und zweigleisig erzählt. Poladjan reiht ausdruckstarke Bilder sehr sorgfältig aneinander. Das zeigt sich am Beispiel des alten Buchs ganz gut: In mühevoller Kleinarbeit dringt Helene vor, das Handwerk mit Messer, Nadel und Faden wird ergänzt um nahezu alchemistische Verfahren der Farbgewinnung oder der Reinigung von Illustrationen. Man lernt in diesem Buch viel über das Restaurieren von Büchern.

Katerina Poladjan lässt vieles in der Schwebe. Auch ihre Hauptperson wirkt unfassbar, und man fragt sich lange, ob das für das Buch spricht oder dagegen. Am Ende aber bleiben starke Eindrücke und Bilder, die „Hier sind Löwen“ sehr lesenswert machen.

Katerina Poladjan; „Hier sind Löwen“; Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2019; 288 Seiten; 22 Euro

Best of 2019

2019 war ein wunderbar leseintensives Jahr für mich. Ich habe viele tolle neue Autorinnen entdeckt und einige neue Bücher von Lieblingsschriftstellerinnen gelesen. Am Ende sind es 75 Bücher geworden. Da fällt es natürlich schwer, die fünf besten und liebsten Bücher herauszustellen. Ich habe es für euch trotzdem getan. Hier ist meine #Top5 Liste aus 2019.

Karen Köhler „Miroloi“

Im Sommer erschien Karen Köhlers lang erwarteter erster Roman „Miroloi“. Selten wurde ein Buch so kontrovers diskutiert und in seiner Qualität beurteilt. Ich kann nur sagen: Bildet euch ein eigenes Urteil. Mich hat die Geschichte einer namenlosen jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit, sehr berührt. Ein Roman, in dem jedes Detail leuchtet und brennt. Die Rezension aus dem August findet ihr hier.

Karen Köhler „Miroloi“, Hanser Verlag, 2019, 464 Seiten, 24 Euro

Verena Boos „Kirchberg“

Verena Boos habe ich erst in diesem Jahr für mich entdeckt. Nach „Kirchberg“ kann ich es kaum erwarten, ihre anderen Bücher zu lesen. Boos erzählt die Geschichte von Hannah, die nach einem schweren Schicksalsschlag wieder in ihr Heimatdorf und das Haus ihrer Großeltern in Kirchberg zurückkehrt. Ohne die Geschichte vorwegzunehmen, ich habe mich Hannah sehr nahe gefühlt und das ist der wunderbar einfühlsamen Sprache Verena Boos zu verdanken. Am Ende musste ich sogar ein paar Tränen vergießen. Das ist mir sehr lange mit

keinem Buch mehr passiert. Hier geht es zur Besprechung.

Verena Boos, „Kirchberg“, Aufbau Verlag, Berlin 2017, 366 Seiten, 22 Euro

Margaret Atwood „The Testaments“

Seit ihrem Buch „Der Report der Magd“ vor 13 Jahren, war wohl kein Nachfolger mehr so sehnlichst erwartet worden wie „Die Zeuginnen“ (The Testaments). Ich muss sagen: Margaret Atwood hat es für mich auf jeden Fall geschafft, an die Klasse des Vorgängers anzuschließen. Sie erzählt temporeich und spannend und ich bin ihren drei Hauptfiguren gern gefolgt. Atwood schafft es für mich, den Erwartungen gerecht zu werden und die übergreifende Geschichte zu beenden. Ein klares „Must Read“ für mich. Rezension hier.

Margaret Atwood “The Testaments”; Chatto & Windus; 2019; £20

Sarah Kuttner, „Kurt“

Sarah Kuttners „Kurt“ ist ein schöne Liebesgeschichte und ein Plädoyer für eine Patchwork-Familie. Es ist ganz vieles: traurig, lustig, ein Gartenbauhandbuch, eine Liebeserklärung an Brandenburg, ein bisschen Gentrifizierungsbashing, ein Umgang-mit-Trauer-Buch, vor allem aber ist es wunderbar geschrieben. Die Besprechung gibt es hier.

Sarah Kuttner, „Kurt“, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2019, 240 Seiten, 20 Euro

Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“

Bücher über Frauen Ende Dreißig, die sich gerade an einem Wendepunkt in ihrem Leben befinden, scheinen gerade sehr in Mode. Da ich mich selbst auch in dieser Phase befinde, üben diese Bücher eine natürliche Anziehungskraft auf mich aus. Daniela Krien nimmt uns mit in die Lebensentwürfe von fünf Frauen, deren Geschichten durch das Schicksal lose miteinander verbunden sind: Paula, Judith, Brida, Malinka und Jorinde. Aufgewachsen an den Grenzen der DDR, steht ihnen das Leben offen, obwohl es nicht immer so läuft wie geplant. Daniela Krien versucht keine Antworten auf diese Fragen zu geben, sondern sie erzählt einfach gute Geschichten. Unbedingt reinlesen. Rezension hier.

Daniela Krien: „Die Liebe im Ernstfall“. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 288 S., 22,– Euro.

Olga Tokarczuk „Der Gesang der Fledermäuse“

Als im Oktober letzten Jahres der Literaturnobelpreis für 2019 und rückwirkend für 2018 verliehen wurde, ging die Preisträgerin 2018 Olga Tokarczuk und ihr Werk in der ganzen Diskussion um den zweiten Preisträger Peter Handke fast ein wenig unter. Zugegebenermaßen hatte auch ich bisher noch nichts von Olga Tokarczuk gelesen, mir aber fest vorgenommen, dass alsbald zu ändern. Meine Buchhändlerin empfahl mir dann den „Gesang der Fledermäuse“ als Einstieg.

Tokarczuk erzählt darin die Geschichte der wunderbar eigensinnigen Ich-Erzählerin Janina Duszejko, die auf einem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze lebt. Die ältere Frau lebt allein und kümmert sich im Winter um die Ferienhäuser der Städter. Ihre große Leidenschaft neben der Natur der Astrologie. Janina liebt es Horoskope zu berechnen für Menschen, denen sie begegnet. Im Dorf gilt sie als schrullige Alte, die sich gern bei der Polizei über Wilderer beschwert und mit „Samurai“, ihrem klapprigen Wagen durch die Gegend fährt.

Der Roman beginnt mit dem Tod ihres Nachbarn Bigfoot, eines brutalen Jägers und Einzelgängers, der an einem Rehknochen erstickt ist. In der nächsten Zeit häufen sich noch weitere Todesfälle. Immer scheinen Tiere am Tatort gewesen zu, was Janina vermuten lässt, dass sich die Tiere an ihren Peinigern rächen wollen.

Tokarczuks Erzählweise schwankt zwischen realistischen Schilderungen des polnischen Winters und philosophischen Überlegungen einer Protagonistin, die sehr der Natur und den Tieren im Wald zugewandt ist und nicht akzeptieren mag, dass sich der Mensch über die Natur stellt.

„Plötzlich war mir klar, warum die Hochsitze, die doch mehr an die Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnern, Kanzeln genannt werden. Auf einer Kanzel stellt sich ein Mensch über die anderen Lebewesen und erteilt sich selbst die Macht über ihr Leben und ihren Tod.“

Olga tokarczuk

„Der Gesang der Fledermäuse“ ist ein schönes, fast magisches kleines Juwel von einem Buch. Mir bescherte es neben einem echten Lesegenuss, einer wunderbar sympathischen Heldin auch neue Denkanstöße. Es wird sicher nicht mein letztes Buch von Olga Tokarczuk gewesen sein.

Olga Tokarczuk, Gesang der Fledermäuse, Aus dem Polnischen von Doreen Daume, Kampa Verlag, Zürich, 307 Seiten, 24 Euro

Meine Bücher im Dezember

Der Dezember fliegt immer nur so an mir vorbei. Eine Weihnachtsfeier folgt auf die Nächste und zwischen Glühwein und Gänsebraten bleibt kaum Zeit, um noch ein Buch zu lesen. Zum Glück gibt es die Zeit zwischen den Jahren. Für mich ein Zeit für einen kleinen Kurzurlaub mit mir selbst und natürlich Büchern, die mir von lieben Freunden zu Weihnachten geschenkt wurden.

In letzter Zeit habe ich angefangen, mich intensiver mit Kunst, vor allem mit Kunst von ostdeutschen Künstlern zu beschäftigen. Da kam das Geschenk eines Freundes genau richtig: Julian Barnes „Kunst sehen“. Ein Buch voller Kunstgeschichten: Über Maler und ihre Exzentrik, über ihre Modelle, Musen, Bilder und Eskapaden. Toller weise ein Buch, dass sich auch für Kunsteinsteiger wie mich eignet. Barnes nimmt sich immer ein Kunstwerk und erklärt die Entstehungsgeschichte und auch die Merkmale der Epoche, für die es exemplarisch steht. Kann ich sehr empfehlen.

Außerdem habe ich endlich Madeline Millers „Circe“ gelesen. Die griechische Mythologie hat mich bisher abgeschreckt. Zu viele Akteure, zu viele weit verzweigte Geschichten. Doch Miller schafft das Kunststück, sich eine spannende weibliche Hauptfigur Circe herauszugreifen und ihre Geschichte neu und modern zu erzählen. Das ist packend, spannend und mit viel Empathie für die Protagonistin erzählt. Ein Pageturner.

Ein Buch, das ich in regelmäßigen Abständen immer wieder gern lese, ist John Streleckys „The why are you here cafe“. Gerade die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester ist für viele eine Zeit der Selbstreflexion. Was habe ich dieses Jahr erreicht? Wo soll es im neuen Jahr hingehen. Da hilft Streleckys schmales Buch, sich auf die wichtigen Fragen zu besinnen und eigene Antworten zu finden und zu überprüfen.

Hier sind alle meine im Dezember gelesenen Bücher:

Julian Barnes; „Kunst sehen“; 352 Seiten; Kiepenheuer & Witsch, 25 Euro

Madeline Miller; „Ich bin Circe“; Eisele Verlag; 528 Seiten; 24 Euro

John Strelecky; „The why you are here cafe“; Piatkus; 144 Seiten; 8,49 Euro

Meg Wollitzer; „Die Zehnjahrespause“; Dumont, 2019; 448 Seiten; 24 Euro

Meine Bücher im November

Diesen Monat bin ich spät dran. Ich weiß. Die Vorweihnachtlichen Feierlichkeiten sind in vollem Gange, ein Weihnachtsessen jagt das Nächste. Da komme ich kaum zum Lesen, geschweige denn zum Schreiben. Ich freue mich schon jetzt auf die Zeit zwischen den Jahren und den Buchstapel hier neben meinem Bett.

Im November war ich für einige Tage in Südafrika. Es war mein erster Trip in dieses faszinierende Land. Passend dazu bekam ich „Benzin“ geschenkt. In Benzin erzählt Geltinger die Geschichte eines schwulen Pärchens auf einem Roadtrip durch Südafrika. Die beiden wollen ihre Beziehung kitten. Eines nachts fahren sie einen jungen, schwarzen Mann an und nehmen ihn mit. Darauf hin beginnt die Situation zu eskalieren. Ich war vom Plott sehr angetan, von der tatsächlichen Geschichte leider etwas weniger. Irgendwie konnte ich zu dieser Geschichte keinen Bezug aufbauen. Die Charaktere und ihre Entwicklung ließen mich weitestgehend kalt. Die Einblicke in Südafrika, die ich mir versprochen hatte, waren immerhin in Teilen vorhanden.

Zurück in Berlin zog es mich zu Lea Streisands neuem Buch „Hufeland, Ecke Bötzow“, vor allem auch, weil ich in der von ihr beschriebenen Gegend in Berlin wohne. Deshalb war dieses Buch neben der sehr amüsant und kurzweilig erzählten Geschichte vier Teenager zur Wendezeit auch eine Reise in die Vergangenheit und ich gehe mittlerweile mit offenen Augen und neuem Blickwinkel durch die Straßen des Bötzow-Viertels.

Wirklich nachhaltig begeistert hat mich Verena Boos „Kirchberg“. Boos erzählt die Geschichte von Hannah, die nach einem schweren Schicksalsschlag wieder in ihr Heimatdorf und das Haus ihrer Großeltern in Kirchberg zurückkehrt. Wir tauchen ein in ihre Kindheit in Kirchberg und in ihr Erwachsenenleben in Berlin und Italien. Hannah, die zeitlebens nach Akzeptanz und Liebe sucht und sie erst am Ende wieder in Kirchberg mit alten Freunden und neuen Menschen findet. Ich habe mich Hannah sehr nahe gefühlt und das ist der wunderbar einfühlsamen Sprache Verena Boos zu verdanken. Am Ende musste ich sogar ein paar Tränen vergießen. Das ist mir sehr lange mit keinem Buch mehr passiert.

Last but not least. Delia Owens “Der Gesang der Flusskrebse“. Eine schöne, runde und gut erzählte Geschichte, die ans Herz geht aber doch nie in Kitsch abgleitet. Ein Buch, dass man gut der Mutter oder auch der besten Freundin schenken kann.

Hier sind die Bücher aus dem November:

Verena Boos, „Kirchberg“, Aufbau Verlag, Berlin 2017, 366 Seiten, 22 Euro

Delia Owens „Der Gesang der Flusskrebse“; hanserblau; 464 Seiten; 22,00 Euro

Gunther Geltinger „Benzin“; Suhrkamp Verlag, Berlin. 378 Seiten, 24 Euro

Lea Streisand „Hufeland, Ecke Bötzow“; Ullstein; 224 Seiten; 20,00 Euro

Meine Bücher im Oktober

Der Oktober war ein leseschwacher Monat für mich. Nur drei Bücher habe ich geschafft und das ist doch eigentlich weit unter meinem normalen Schnitt für mich.

Die Hälfte des Oktobers habe ich auf Korsika verbracht und mich dort in diese raue und schöne Insel verliebt. Neben wandern und Strandzeit blieb nicht viel Zeit zum Lesen. Die wenige Zeit habe ich dann mit meinem ersten Murakami verbracht. Ein Freund empfahl mir, mit „Mr. Aufziehvogel“ zu starten. Leider muss ich sagen, dass mich seine Erzählweise nicht packt und mitnimmt. Ich habe es bis zur Mitte des Buches versucht und bin der Geschichte von Toru Takama gefolgt, dem erst der Kater entschwindet und den dann eines Tages seine Frau ohne Nachricht verlässt. Daraufhin beginnt er beide zu suchen und trifft auf der Suche einige sehr abgedreht abgründige Menschen. Immer wieder verlässt Murakamis Toru Okada deshalb die Realität und taucht in seiner unergründlichen Innenwelt unter. „Ich schließe die Augen und trenne mich von diesem meinem Körper mit den schmutzigen Tennisschuhen“.

Ich konnte Murakamis mystischem Realismus nicht viel abgewinnen. Es wird viel angedeutet, doch die Figuren bleiben dennoch vage. Vielleicht gebe ich Murakami später noch mal eine Chance.

Haruki Murakami, „Mister Aufziehvogel“, Dumont Verlag, 1998, 684 Seiten, 9.90 Euro

Mein zweites Buch im Oktober war leider nicht viel besser. Tommy Oranges Debütroman „Dort, Dort“ wurde ja sehr gut besprochen, als „Indigene Wirklichkeit jenseits der Klischees“. Der Aufbau des Buches, verschiedene indigene Menschen von ihrem Leben erzählen zu lassen und sie zum dramaturgischen Höhepunkt einem Powwow zusteuern zu lassen, ist gut.

Orange erzählt die Geschichten von zwölf Native Americans, die ein gewöhnliches städtisches Leben führen, als Postbotin, Drogenberater, Filmemacher. Wir begegnen strebsamen Frauen und Männern, verlässlichen Großmüttern, trinkenden Müttern, drogenverseuchten oder fettleibigen Jungs. Viele allerdings führen hässliche Leben, sind Opfer von Gewalt und Vergewaltigung. Es ist ihnen nicht gelungen, sich in einer heilen oder gar harmonischen Normalität einzurichten

Die Erzählung selbst war für mich nicht überzeugend. Zu wenig Raum für die einzelnen Figuren. Ich habe es zu Ende gelesen aber am Ende fast erleichtert weggelegt.

Tommy Orange; „Dort Dort“, Hanser Berlin, 2019; 288 Seiten, 22 Euro

Das dritte Buch im Oktober hat mich dann mit der Literatur wieder versöhnt. Obwohl Margaret Atwood sicher die höchsten Erwartungen zu erfüllen hatte. Seit ihrem Buch „Der Report der Magd“ vor 13 Jahren, war wohl kein Nachfolger mehr so sehnlichst erwartet worden wie „Die Zeuginnen“ (The Testaments). Auch ich konnte es kaum erwarten und habe es mir noch am Erscheinungstag am Flughafen in London gekauft.

Ich muss sagen: Margaret Atwood hat es für mich auf jeden Fall geschafft, an die Klasse des Vorgängers anzuschließen und die Geschichte lose zu Ende zu erzählen. Sie nimmt die Fäden des Reports der Magd wieder auf und lässt die Geschichte Jahre später wieder einsetzen und durch ihre drei Protagonistinnen Tante Lydia und die beiden Töchter von Ofred, Daisy (Nicole) und Agnes. Gilead existiert immer noch aber der totalitäre Staat bekommt langsam Risse.

Atwood erzählt temporeich und spannend und ich bin ihren drei Hauptfiguren gern gefolgt. Sie schafft es, den Erwartungen gerecht zu werden und die übergreifende Geschichte zu beenden. Ein klares „Must Read“ für mich.

Margaret Atwood “The Testaments”; Chatto & Windus; 2019; £20

Meine Bücher im September

Der September war trotz vieler Geschäfts- und Urlaubsreisen ein leseintensiver Monat für mich. Das habe ich sehr genossen. Es war eine gute Mischung aus zwei spannenden Krimis, einem Familienroman und zwei kurzen aber intensiven Erzählungen.

Über drei der gelesenen Bücher habe ich ja schon etwas genauer berichtet.

„Geblendet“ von Andreas Pflüger ist der von mir sehr lang erwartete dritte Teil der Jenny Aaron Reihe, um eine blinde Ermittlerin einer geheimen Sondereinheit in Deutschland. Es ist so spannend erzählt und gut geschrieben wie die beiden Vorgänger und ich habe es in einem Rutsch verschlungen.

„Schwarzer See“ von Riley Sager war ein Spontankauf auf dem Weg zum See. Der Klappentext hörte sich spannend an und da musste es mit. Es ist eine Geschichte mit vielen Wendungen, von denen nicht alle immer ganz glaubwürdig sind aber die Kapitel sind kurz und so folgt man der Autorin bis zum Ende (auch weil ich wissen wollte, wie es nun ausgeht).

Andreas Pflüger; „Geblendet“; Suhrkamp Verlag; 2019; 508 Seiten; 22 Euro

Riley Sager; „Schwarzer See“; DTV; 2019; 416 Seiten; 9,95 Euro

Mareike Fallwickl; „Das Licht ist hier viel heller“; Frankfurter Verlagsanstalt; 2019; 384 Seiten; 24 Euro

Isabel Bogdan, „Laufen“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 208 Seiten, 20 Euro

Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah. Frankfurter Verlagsanstalt, 182 S., 22 Euro

Happy Reading!

Pauline Dellabroy-Allard „Es ist Sarah“

„Sie kommt zu spät, atemlos lachend. Sie spricht zu laut, zu schnell, sie ist zu stark geschminkt. Ein Moment wie in Zeitlupe.“

Pauline Delabroy-Allard

In diesem Moment verliebt sich die Erzählerin Hals über Kopf in Sarah. Es beginnt eine hoch leidenschaftliche, überbordende, alles vereinnahmende Liebesgeschichte. Sarah und die Erzählerin könnten unterschiedlicher nicht sein. Sarah, hochbegabt, exaltiert, temperamentvoll; die Erzählerin eher kontrolliert, unauffällig, bürgerlich.

Man wird in den Sog dieser Liebe gesogen, die keine Grenzen, fast schon keine Normalität zu kennen scheint. Erzählt wird aus der Perspektive der namenlosen Erzählerin, Lehrerin, Mutter, deren Leben aus den Fugen gerät, als sie sich in Sarah verliebt. Neben dieser Liebe zu Sarah verblasst alles andere, tritt die Beziehung zur Tochter, der Beruf in den Hintergrund.

Irgendwann gleitet diese Amour Fou ins Dunkle ab. Die Erzählerin sehnt sich einerseits nach Sarah, wenn diese auf Reisen ist, andererseits wünscht sie sich, dass die Beziehung endet, das Rauschhafte aufhört, eine Normalität wieder möglich ist. Und letztendlich endet die Beziehung auch, wenngleich auch vielleicht anders, als man gedacht hätte.

Das Buch lebt und atmet durch die Sprache. Sie ist poetisch, magisch und emotional und entfaltet einen hypnotischen Sog, der einen das Buch in einem Rausch zu Ende lesen lässt.

Dieses Buch hat mich berührt, weil wir alle dieses Gefühl kennen jemanden zu lieben, vielleicht auch über den Punkt hinaus, an dem es einem gut tut. Das Gefühl, dem wir alles andere freiwillig unterordnen, der Alltag unwichtig wird. Allards Buch gibt einem diesen Gefühl zurück. Es führt einem wieder den ultimativen Sinn des Lebens vor Augen.

Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah. Frankfurter Verlagsanstalt, 182 S., 22 Euro

Isabelle Bogdan „Laufen“

Ich habe mit viel Begeisterung Isabel Bogdans „Der Pfau“ gelesen und war deshalb sehr auf ihr neues Buch „Laufen“ gespannt.

„Ich kann nicht mehr.“

So beginnt „Laufen“, in dem eine Frau sprichwörtlich wieder in ihr Leben zurück läuft. Sie hat ihren langjährigen Partner verloren und glaubt sich am Ende ihrer Kräfte. Dennoch beginnt sie zu laufen, am Anfang kleine Runden, dann immer größere Strecken. Beim Laufen fängt sie an, ihre Trauer zu verarbeiten, ihre Beziehung zu reflektieren und am Ende auch neuen Lebensmut zu schöpfen. Dabei begleitet sie ihre Liebe zur Musik und ihre Freunde.

„Laufen“ ist so ganz anders als ihr erstes herrlich komisches Buch „Der Pfau“. Der Text hat eigentlich keine Handlung, sondern ist ein einziger langer innerer Monolog, bestehend aus Gedanken, die keine klare Richtung haben. Wut und Witz verbinden sich, Hoffnungslosigkeit trifft auf Sehnsucht.

Ich mochte das Buch sehr, einerseits, weil ich selbst gern laufe und dabei auch fast selbsttherapeutisch meine Themen durchdenke und auch, weil ich lange in Hamburg gelebt habe und deshalb viele Laufstrecken wieder erkannt habe. Außerdem fand ich den traurig, heiteren Ton des Buches sehr schön. Man liest das Buch an einem Nachmittag weg und hat danach das Gefühl, dass das Leben auch nach Schicksalsschlägen wieder gut werden kann, dass man Trauer überwinden kann.

Isabel Bogdan, „Laufen“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019; 208 Seiten, 20 Euro

Mareike Fallwickl „Das Licht ist hier viel heller“

Nach ihrem erfolgreichen Debut hat Mareike Fallwickl nun ihren zweiten Roman vorgelegt. In „Das Licht ist hier viel heller“ geht es um Maximilian Wenger, einst Bestseller Autor, jetzt nur in Selbstmitleid versinkender alter Mann und seine Tochter Zoey, unglücklich verliebt und mit der Familiensituation hadernd.

Wenger erhält eines Tages Briefe, eigentlich an seinen Vormieter interessiert, die er dennoch öffnet und liest und die ihn dann wieder dazu inspirieren zu schreiben. Auch Zoey liest die Briefe heimlich und fühlt sich darin verstanden, weil sie selbst etwas ähnliches erlebt hat.

Maximilian Wenger ist ein Charakter, den man nicht so richtig mögen kann. Arrogant, von sich selbst überzeugt, ein Chauvinist. Man wartet eigentlich die ganze Zeit darauf, dass sich Wenger wandelt aber das passiert nicht wirklich. Zoey ist ein sensibler Mensch, der das erste Mal mit Liebeskummer hat und außerdem dabei ist, herauszufinden, was sie selbst möchte. Zoey

Intelligent, schlagfertig-humorvoll und mit großer Empathie schreibt Mareike Fallwickl über das Gelingen und Scheitern von Liebe, Freundschaft und Familie, digitale und analoge Scheinwelten, Machtmissbrauch, weibliche Selbstbestimmung – und entfacht einen Sog, der fesselt bis zum Schluss.

Mareike Fallwickl; „Das Licht ist hier viel heller“; Frankfurter Verlagsanstalt; 2019; 384 Seiten; 24 Euro