Sarah Kuttner „Kurt“

Kurt war eine Empfehlung meiner Lieblingsbuchhändlerin, sonst hätte ich vermutlich nicht dazu gegriffen. Sarah Kuttner ist in der TV-Landschaft Deutschlands sehr bekannt und spätestens seit „Mängelexemplar“ auch als Autorin. Allerdings haben mich ihre Bücher bisher nie wirklich gepackt. Doch dann kam Maria, die „Kurt“ als wunderbare Liebesgeschichte und Plädoyer für die Patchwork-Familie anpries und ich war interessiert.

Sarah Kuttner erzählt in „Kurt“ auf wunderbar leichte und schöne Weise von Lena, Kurt und Kurt. Lena und Kurt sind nach Brandenburg gezogen, um näher an Kurts Sohn Kurt zu sein. „Und dann fällt Kurt vom Klettergerüst“ und damit wird die Patchwork-Familie auf eine harte Probe gestellt. Der Vater versinkt in Trauer und Lena weiß nicht, wieviel Trauer ihr als Quasi-Stiefmutter eigentlich zusteht.

Sarah Kuttners Buch ist ganz vieles: traurig, lustig, ein Gartenbauhandbuch, eine Liebeserklärung an Brandenburg, ein bisschen Gentrifizierungsbashing, ein Umgang-mit-Trauer-Buch, vor allem aber ist es wunderbar geschrieben.

Meine Bücher im April

Der April war ein sehr lesefauler Monat für mich. Ich war viel auf Reisen, habe auf einem Roadtrip zunächst die Nationalparks in den USA erkundet und später die kroatische Natur. Dabei gab es so viel zu Entdecken und Aufzunehmen, dass ich gar nicht das Bedürfnis nach einem guten Lesestoff verspürt habe.

So sind es am Ende nur zwei Bücher geworden, die ich diesen Monat gelesen habe: „Becoming“ von Michelle Obama und „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling. Beide Bücher könnten unterschiedlicher nicht sein. Zwar erzählen beide aus ihrem Leben, Michelle autobiographisch und Anke Stelling rein fiktional aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Michelle Obama erzählt berührend, ehrlich und unterhaltsam ihre Lebensgeschichte. Die Geschichte einer Aufsteigerin, die durch Höhen und Tiefen gegangen ist. Dabei bleibt sie immer nah bei sich selbst und optimistisch ausgerichtet. Am bemerkenswertesten fand ich die Tatsache, wie hart sie für ihre Karriere von klein auf gelernt und gearbeitet hat und dann sich dann ihr Erfolg als Top-Juristin doch nicht richtig und erfüllend anfühlt. Wie sie dann den Mut findet, einen anderen beruflichen Weg, schlechter bezahlt aber näher an ihren Wünschen und Werten dran, einzuschlagen, finde ich beeindruckend. Und gut erzählt. 500 Seiten von denen jede lesenswert ist.

Michelle Obama, Becoming. Meine Geschichte; Goldmann Verlag, München 2018; 544 Seiten, 26 Euro

Anke Stelling hält in „Schäfchen im Trockenen“ der eigenen Generation radikal den Spiegel vor: Es ist eine wütende, manchmal auch verzweifelte Abrechnung mit einer Midlife-crisis-geschüttelten Generation, die einst mit großen linksliberalen Träumen nach Berlin kamen und sich nun doch in der konservativen Realität niederlassen.

«Wir wollten einander davor bewahren, gescheit im Sinne von rücksichtslos, erwachsen im Sinne von überfordert, verheiratet im Sinne von eingesperrt und Eltern im Sinne von paternalistisch zu werden», schreibt Resi über ihren Freundeskreis, der seit Schulzeiten – also knapp drei Jahrzehnten – bestand. Diese Freundschaft hält der neuen Realität nicht stand und bricht auseinander. Die einstigen Freunde kündigen Resi wegen ihrer erbarmungslosen Analysen über die Lügen des Bionade-Bürgertums die Freundschaft – und letztlich auch noch den Untermietvertrag für die günstige Wohnung in der Innenstadt. Dieses Buch ist ein wütender, manchmal schmerzhafter Blick in den Spiegel und für mich auch ein Appell, die eigenen Träume und Ideale einmal wieder anzuschauen.

Dieses Buch wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zu recht, wie ich finde.

Anke Stelling, Schäfchen im Trockenen, Verbrecher Verlag, Berlin, 266 Seiten, 22 Euro

Meine Bücher im März

Der März war ein toller Lesemonat für mich. Ich hatte endlich mal wieder Zeit, mich in das eine oder andere längere Buch zu vertiefen. Am Ende sind es sechs Bücher geworden. Bücher, die zeigen, dass ich gern breit lese und mich ganz unterschiedliche Stoffe fesseln können.

So geht es in Jesolo und Mutterschaft um Frauen Ende 30, die sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie den Kinder wollen und diese Frage sehr unterschiedlich für sich beantworten. Ich fand es vor allem faszinierend, Sheila Hetis Gedanken zu diesem Thema zu folgen, die manchmal schmerzlich aber vor allem tiefsinnig sind.

„Es liegt eine Art Traurigkeit darin, etwas nicht zu wollen, was dem Leben so vieler anderer Bedeutung verleiht.“

Sheila Heti

Auf Miriam Toews Buch war ich schon vorab sehr gespannt, weil es bereits so positiv in einigen Medien besprochen wurde. Ein Buch, dass auf wahren Tatsachen beruht und  die Geschichte von sechs Frauen erzählt, die nach einem schrecklichen Vorfall innerhalb von 48 Stunden entscheiden müssen, ob sie in ihrem Dorf bleiben oder weggehen sollen. Ich fand den Plot sehr interessant, die Erzählung selbst hat mich aber ehrlicherweise nicht berührt.

Für alle, die gern ein gutes Mystery-Buch schätzen, kann ich „Niemalswelt“ von Marisha Pessl sehr empfehlen. Ich habe es an einem Abend durchgelesen, weil ich es nicht mehr aus der Hand legen wollte. Die Geschichte von fünf Freunden, die nach dem Tod von Jim, sich erstmals wieder treffen und nach einem Autounfall in einer Zeitschleife festhängen, ist absolut packend erzählt. Ein echter Pageturner!

Viel Spaß beim Entdecken und Lesen!

Tanja Raich, Jesolo, Karl Blessing Verlag, 22,00 Euro

Sheila Heti, Mutterschaft, Rowohlt,320 Seiten, 22,00 Euro

Marisha Pessl, Niemalswelt, Carlsen Verlag, 22,00 Euro

Miriam Toews, Die Aussprache, Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark, Hoffmann und Campe 2019, 256 Seiten, 22 Euro

Colson Whitehead, Underground Railroad, Doubleday Verlag, 320 Seiten, 9,90 Euro

Peter Huth, Infarkt, Rowohlt, 120 Seiten, 9,90 Euro

Happy Indiebookday!

Heute ist Indiebookday, eine wirklich tolle Initiative, die 2013 vom Mayrisch Verlag ins Leben gerufen wurde.

Es gibt viele kleine tolle Verlage, die mit viel Herzblut und Leidenschaft schöne Bücher machen. Aber nicht immer finden die Bücher ihren Weg zu den Lesern. Der Indiebookday sol hier für ein bisschen Aufmerksamkeit sorgen.

Ich war natürlich heute auch in meinem Lieblingsbuchladen und habe mir ein neues Buch gegönnt. Nun bin ich schon sehr auf Anke Stelling „Schäfchen im Trockenen“, die diesjährige Buchpreisgewinnerin vom Verbrecher Verlag gespannt.

Außerdem habe ich euch noch vier meiner Lieblingsbücher aus kleinen Indie-Verlagen zusammengestellt. N

Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014, 1280 Seiten, 34,00 Euro

Mareike Fallwinkl, Dunkelgrün fast schwarz, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2018, 480 Seiten, 24,00 Euro

Emma Glass, Peach, Aus dem Englischen von Sabine Kray, Edition Nautilus, 128 Seiten, 19,90 Euro

Ivana Sajko, Liebesroman, Voland und Quist Verlag, Dresden und Leipzig 2017, 176 Seiten, 18,00 Euro

#Indiebookday

Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“

Bücher über Frauen Ende Dreißig, die sich gerade an einem Wendepunkt in ihrem Leben befinden, scheinen gerade sehr in Mode. Da ich mich selbst auch in dieser Phase befinde, üben diese Bücher eine natürliche Anziehungskraft auf mich aus. Immer getrieben von dem Wunsch, auf andere Lebensentwürfe zu schauen, andere Perspektiven kennenzulernen und vielleicht etwas für das eigene Leben daraus zu nehmen.

Egal ob „Jesolo“ von Tanja Raich, „Mutterschaft“ von Sheila Heti oder eben „Die Liebe im Ernstfall“ von Daniela Krien, es geht immer um die großen Fragen im Leben: Ist es besser, Kinder zu bekommen – oder nicht? Ist es besser, sich festzulegen auf einen Mann – oder nicht? Was muss man aufgeben, um Karriere zu machen – und was muss man opfern, um eine Familie zu haben?

Daniela Krien nimmt uns mit in die Lebensentwürfe von fünf Frauen, deren Geschichten durch das Schicksal lose miteinander verbunden sind: Paula, Judith, Brida, Malinka und Jorinde. Aufgewachsen an den Grenzen der DDR, steht ihnen das Leben offen, obwohl es nicht immer so läuft wie geplant.

Da ist Paula, die ihren Mann an einem heißen Sommerabend kennenlernt. Sie bekommen ein Kind, doch dieses Kind stirbt und die Beziehung zerbricht.

„Wie ein Abgrund ist Paula, wie ein tiefes schwarzes Loch, in das man Verständnis, Geduld und Liebe hineinwirft, und alles versinkt in der Tiefe, ohne auch nur einen Hall zu erzeugen.“ Dabei hätte alles so gut sein können, dabei war es das einmal – gut. Als Paula mit Ludger zwei Töchter hatte und all diese Träume. Doch dann stellte sich heraus, dass ihre Träume nicht dieselben waren, dann schlug das Schicksal zu – und machte Paula zu einem Abgrund. Hilflos dabei zusehen musste ihre Freundin Judith, die sonst nie hilflos ist, im Gegenteil. Sie ist eine selbstbestimmte Frau, Ärztin, Single und passionierte Reiterin: „Im Zweifel zog Judith die Gesellschaft des Tieres der Gesellschaft anderer Menschen vor.“ Und viele Männer zu haben, denkt Judith, ist schön, nur einen zu haben, wäre aber vielleicht auch schön.

Daniela Krien, die Liebe im ernstfall

Da ist  Judith, ihre beste Freundin, intelligent, selbstbestimmt, freiheitsliebend, die sich den Umweg zu ihren Männern durch das Bett sucht.

Da ist Brida, Schriftstellerin, die hadert ihrem Anspruch als Mutter und Schriftstellerin gleichermaßen gerecht zu werden.

Und da sind Malika und Jorinde: Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Während die eine beruflich und privat Enttäuschungen erlebt, scheint der anderen alles zuzufliegen. Und doch ist am Ende nichts wie es scheint.

Daniela Krien versucht keine Antworten auf diese Fragen zu geben, sondern sie erzählt einfach gute Geschichten. Mit wenigen Worten vermag sie es, ihre handelnden Personen zu umreißen und so zum Leben zu erwecken. In einer wunderbar klaren, warmherzigen Sprache. Also unbedingt lesen!

Daniela Krien: „Die Liebe im Ernstfall“. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 288 S., 22,– Euro.

Meine Bücher im Februar

Warum ist der Februar eigentlich immer so kurz. Mir persönlich haben ein paar Tage mehr zum Lesen gefehlt. Die Arbeit hat wieder angezogen mit Trips nach London, Salzburg und Athen und auch privat war viel los. Das war vielleicht fast ein bisschen zu viel, denn irgendwann hat mein Körper gestreikt, so dass ich das erste Mal seit sehr langer Zeit wieder krank war. Eine dicke Erkältung hatte mich erwischt. Und zwar so, dass ich nicht mal mehr lesen mochte.

Deshalb blieb am Ende leider nicht so viel Zeit für`s Lesen und so sind es nur vier Bücher im Februar geworden.

Besonders begeistert hat mich Mariana Leky`s „Was man von hier aus sehen kann“. Das Buch ist schon vor knapp zwei Jahren erschienen (Ich weiß, ich bin spät dran!) aber erst jetzt war es für mich dran. Eine wunderbare Liebeserklärung an das Leben und die Liebe mit der „unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben“. Unbedingt Lesen!

Auch in die Gegenwartsliteratur ist Jan Drees „Sandbergs Liebe“ einzuordnen. Ein Geschichte über emotionale Gewalt und Manipulation in einer Beziehung. Ein kurzes Buch, dass mich noch lange beschäftigt hat. Eine ausführliche Rezension gibt es hier.

Hanya Yanagiharas „Das Volk der Bäume“ ist ebenso stark erzählt wie „Ein wenig Leben“. Hier folgt zu gegebener Zeit noch ein ausführlichere Besprechung. Das muss ich erst noch sacken lassen.

Und hier sind meine Bücher des Monats Februar noch einmal zusammengefasst.

Hanya Yanagihara „Das Volk der Bäume“, aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Hanser Berlin Verlag, Berlin, 478 Seiten, 25 Euro

Merethe Lindstrøm „Aus den Winterarchiven“, aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger, Matthes & Seitz, Berlin 2018, 294 Seiten, 22 Euro

Jan Drees „Sandbergs Liebe“, Secession Verlag, 190 Seiten, 20 Euro

Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“, Dumont, Köln 2017; 320 Seiten, 20 Euro

Jan Drees „Sandbergs Liebe“

Ein schmales Buch über die Liebe, so dachte ich, als ich es in meiner Lieblingsbuchhandlung das erste Mal zur Hand nahm. Und wer liest nicht gern über die Liebe. Also nahm ich es mit. Und fand mich auf meiner Couch wenig später in der Geschichte einer ganz und gar nicht romantischen sondern vielmehr sehr zerstörerischen Liebe wieder.

„Das hier ist die Geschichte von Kristian Sandberg, er wird sie selbst erzählen. Aber – und dieses Aber teilt eine ganze Welt – es gibt zwei Wahrheiten. Es gibt Kristian Sandberg. Es gibt Kalina. Und es gibt ‚Die Gefährliche Geliebte‘ des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami.“

Jan Drees „Sandbergs liebe“

Dabei fängt alles gut an. Kristian Sandberg, der namensgebende Held und Erzähler dieser Geschichte, Anfang 30, gutaussehend, erhält nach seinem Studium seinen Traumjob in einer Literaturagentur und zieht nach Hamburg. Und doch ist er einsam und sehnt sich nach der großen Liebe in seinem Leben. Da scheint das Glück auf seiner Seite, denn wenige Tage später lernt er über die Datingapp „Once“ Kalina kennen, die alle seine sehnlichsten Wünsche zu erfüllen scheint. Gut aussehend, erfolgreich als Zahnärztin und selbstbewusst, scheint sie Kristian als perfekte Traumfrau. Eine romantische und erotische Beziehung beginnt, die sich jedoch alsbald als manipulativer Alptraum entpuppt. Denn ganz unmerklich rutscht Kristian in die emotionale Abhängigkeit von Kalina, vernachlässigt Freunde, unterwirft sich ihren Launen und stellt seine eigenen Bedürfnisse zurück. Kristian macht sein komplettes Leben von ihr abhängig und gerät binnen kürzester Zeit völlig aus der Balance.

„Sandbergs Liebe“ spürt den perfiden Manipulationsstrategien nach, mit denen emotionale Gewalt ihre Wirkungskraft entfaltet. Der Roman, basierend von einer persönlichen Erfahrung, führt uns vor, wie Manipulation das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zerstören und infolgedessen die Psyche eines Menschen in ihren Grundfesten erschüttern kann.

Das Buch entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Getrieben von einem Wunsch nach Happy End und finaler Rettung für den Titelhelden Kristian. Doch dies lässt Jan Dress offen, den am Ende verschwindet Kristian. Und es bleibt unklar, wohin.

Die popliterarischen Anklänge des Buches verankern die Handlung zu großen Teilen in Hamburg und verschafften mir damit einige schöne Deja Vu Momente meiner Studienzeit in Hamburg. Sandbergs Liebe. Ein kurzes Buch mit lang anhaltender Wirkung.

Jan Drees: „Sandbergs Liebe“, Erschienen bei Secession, 190 Seiten, 20 Euro

Tana French „Der dunkle Garten“

Während ich gerade über den Wolken nach London fliege, möchte ich doch gern ein paar Worte zu Tana French`s neuem Buch „Der dunkle Garten“ verlieren. Ein Geständnis vorab. Ich bin großer Tana French Fan, habe alle ihre Bücher gelesen und freue mich bei jedem neuen Buch Wochen vorher auf den Erscheinungstag. Auch bei „Der dunkle Garten“ war dies natürlich nicht anders. Noch am Abend des Erscheinungstages stand ich in der Buchhandlung meines Vertrauens und habe es gekauft.

„Ich habe ohnehin erst spät verstanden, was Glück sein kann, wie herrlich griffig und trügerisch, wie unnachgiebig verdreht und verknotet in seinen ganz eigenen Verstecken. Und wie tödlich.“

Tana French „Der dunkle garten“

Tana French erzählt die Geschichte von Chris, dem das Glück im Leben nur so zuzufliegen scheint. Angesehener und hipper Job in einer Kunstgalerie, hübsche und warmherzige Freundin und tolle Freunde und Familie. Dieses Selbstvertrauen in das eigene Glück wird eines nachts erschüttert, als er in seiner eigenen Wohnung überfallen, zusammengeschlagen und ausgeraubt wird. Von da an ein körperlich beeinträchtigt, zieht Toby mit seiner Freundin zu seinem Onkel aufs Land, um den an einem Gehirntumor erkrankten zu unterstützen.

Dann wird in einem hohlen Stamm einer Ulme das Skelett eines ehemaligen Mitschülers gefunden wird, und deuten alle Zeichen auf Mord. In den polizeilichen Vernehmungen wird der bereits verunsicherte Toby bis ins Mark erschüttert. Außerdem scheinen sein schwuler Cousin Leon und mehr noch seine smarte Cousine Susanna subtil Beweise gegen ihn aufzuhäufen – bis er zuletzt befürchtet, er selbst könne vor zehn Jahren den Klassenrüpel Dominic erwürgt und in die Ulme gestopft haben, ohne sich daran erinnern zu können.

Spannend wird dieses Buch durch das Spiel mit dem Leser, also uns. Man kann dem Ich-Erzähler und seiner irgendwann nicht mehr wirklich trauen. Ein geschickter Zug: Was ist also Wahrheit und was Paranoia oder aber: Führt der Protagonist seine Mitmenschen – und uns – nur an der Nase herum?

Tana French findet eine markante, klare Sprache und starke Bilder, um die Veränderung von Toby, dem einstigen „Everybody`s Darling“ in einen jähzornigen, unsicheren Menschen darzustellen. Auch wenn das Buch über weite Strecken die Spannung vermissen lässt und vielmehr einem tragischen Familienroman gleicht, bleibt man doch dran, um sich am Ende die Frage aller Fragen eines Krimis beantworten zu können: Wer war`s?

Tana French: „Der dunkle Garten“, Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2018, 656 Seiten, 16,99 Euro

Meine Bücher im Januar

Und da ist der erste Monat des Jahres auch schon wieder vorbei. Für mich war es intensiver und positiver Start ins neue Jahr. Ich habe die ersten Tage des Jahres gefastet und meinem Körper und Geist eine kleine Detox-Kur gegönnt. Außerdem durfte ich fünf Tage in einer meiner absoluten Lieblingsstädte verbringen. New York inspiriert mich bei jedem Besuch auf`s Neue. Die Energie in dieser Stadt ist unglaublich und ich genieße es jedes Mal sehr, durch die Straßen zu spazieren, ins Whitney Museum zu gehen und bei meinem Yoga-Studio vorbeizuschauen.

Zum Glück blieb im Januar auch genug Zeit für`s Lesen. Fünf Bücher sind es in diesem Monat geworden. Am stärksten war ich sicher von Gabriel Tallents „Mein Ein und Alles“ beeindruckt. Eine junge, starke und sehr ungewöhnliche Heldin, Turtle, die durch die Hölle geht, um sich von ihrem gewalttätigen Vater zu lösen. Ich kann der Zeit nur zustimmen, „dieses Buch fegt über einen hinweg wie ein Wirbelsturm“. Mit fast archaischer Gewalt, möchte ich ergänzen.

Fast ein wenig enttäuscht war ich von Tana French`s neuem Buch „Der dunkle Garten“. French zählt zu meinen liebsten Kriminalautorinnen und jedes Buch wird mit großer Spannung und Vorfreude erwartet. Diesmal hat es lange gedauert bis ich in die Geschichte gefunden habe und auch dann hat sie mich am Ende nicht 100%-ig gepackt. Dennoch: Für alle, die Tana French genauso mögen wie ich, bildet euch eine eigene Lesemeinung.

Und hier sind sie, meine Bücher aus dem Januar.

Gabriel Tallent: „Mein Ein und Alles“, aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner, Penguin Verlag, 480 Seiten, 24 Euro

Tana French: „Der dunkle Garten“, Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2018, 656 Seiten, 16,99 Euro

Christina Hesselholdt: „Die Gefährten“. A. d. Dän. von Ursel Allenstein; Hanser Verlag, Berlin 2018; 448 S., 25 Euro

Merethe Lindstrøm: „Aus den Winterarchiven“, aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger, Matthes & Seitz, Berlin 2018, 294 Seiten, 22 Euro

Manja Präkels: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, Verbrecher-Verlag, 230 Seiten, 20 Euro

Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben“

„Ich glaube der Trick bei Freundschaften besteht darin, Menschen zu finden, die besser sind als man selbst- nicht klüger oder cooler, sondern liebenswürdiger und großzügiger und nachsichtiger-, und ihnen zuzuhören, wenn sie dir etwas über dich sagen, egal wie schlecht- oder gut- es ist, und ihnen zu vertrauen, was der schwierigste Teil ist. Aber auch der beste.“

Hanya Yanagihara „Ein wenig leben“

Es ist 5.30 Uhr in New York. Der Jetlag hat mich voll im Griff. Der perfekte Ort und die ideale Zeit, um über ein Buch zu schreiben, welches mich Ende letzten Jahres noch tief beeindruckt hat und das mich gedanklich immer noch festhält.

Yanagihara erzählt in ihrem viel beachteten Buch von der lebenslangen Freundschaft vier New Yorker Männern. Jude, Willem, JB und Malcolm lernen sich am Ende ihres Studiums kennen und bleiben sich von da an durch die Höhen und  Tiefen ihres Lebens verbunden. Sie alle treiben die kleinen Sorgen des Lebens um: Die Suche nach der künstlerischen Identität, die Erwartungen von anderen oder auch die sexuelle Ausrichtung. Doch schnell wird klar, dass Jude`s Themen und Ängste sehr viel tiefer gehen. Er ist der Mittelpunkt dieser Geschichte. Um ihn dreht sich fortan die ganze Erzählung. Stück für Stück erfährt der Leser durch Rückblenden mehr über Judes furchtbare Vergangenheit und wie sie sein Leben auch in der Gegenwart noch beeinflusst.

Die Beschreibungen physischer Gewalt und die Abgründe, in die es einen als Leser stürzt, begründen die Ruf, der diesem Buch schon weit voraus eilt. Dies zu lesen tut weh, ist so schmerzhaft, dass man das Buch manchmal für ein paar Tage aus der Hand legen muss. Wenn Jude uns mitnimmt, ins Badezimmer zu den Rasierklingen oder zurück ins Motel seiner Vergangenheit, dann ist das manchmal nur schwer zu ertragen.

Judes innerer Kampf, seine Selbstzweifel, seine Suche nach dem Sinn seinen (schweren) Lebens machen dieses Buch so menschlich und werfen die Fragen auf, die sich vermutlich jeder im Leben irgendwann stellt: Wofür lohnt es sich zu leben? Für den Job? Die Familie? Geld? Ruhm? Für sich selbst?

Für mich ist dieses Buch vor allem ein Buch über Freundschaft und Liebe. Sind Freundschaft und Liebe vielleicht nur zwei Worte für dieselbe Sache? Folgt man Yanagihara so können sie es sein, wenn man mutig genug ist, es dazu kommen zu lassen.

Wie liebevoll, warm und detailliert Yanagihara von den kleinen und großen Gesten der Freundschaft und später Liebe zwischen Jude und Willem erzählt, ist für mich eine der großen Stärken dieses Buches. Man folgt ihr gern durch die knapp 1.000 Seiten einer Geschichte von Freundschaft und Liebe. Weil diese in einer überbordenden Form erzählt wird, die die Leserinnen und Leser, die sich auf sie einlassen, hineinzieht und festhält, bis zum Ende.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin Verlag, München 2017. 960 Seiten, 28 Euro